„Willst du…?“

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Verlobungsbräuche aus der ganzen Welt

Eines Abends ruft dich deine beste Freundin an und kreischt aufgeregt ins Telefon: „Er hat mich endlich gefragt!“. Natürlich weißt du direkt, worum es geht. Sie haben sich verlobt.

Im kleinsten Detail erzählt dir deine Freundin, wie es passiert ist. Er lud sie zum Essen mit vielen Kerzen ein, gute Musik begleitete die noch besseren Gespräche, die sie an diesem Abend führten.

Und plötzlich erschien das kleine samtrote Schmuckkästchen in der Mitte des Tisches. Er nahm ihre Hände und stellte die Frage der Fragen: „Willst du meine Frau werden?“. Nach ihrem überglücklichen „Jaa!“, steckte er ihr den kleinen, zarten Diamantring an den Finger.

Dieses Szenario haben wir in unzähligen Filmen bestaunen dürfen – doch wie sieht eine Verlobung in anderen Ländern dieser Welt aus?

Der Verlobungsring, der in unserem Kulturkreis zum festen Bestandteil einer klassischen Verlobung gehört, entspringt einem eigentlich weniger romantischen Ritual der alten Germanen. Tatsächlich wurde der Ring vor zweitausend Jahre auch schon an die Braut übergeben. Allerdings diente der „Armring“ (befestigt am Oberarm der Braut) dort als Ehefessel und war ein Beweis für die Verbindung, die die Frau mit ihrem Zukünftigen eingegangen war.

Dieser musste zuvor nämlich eine riesige Summe Geld aufwenden, um die Braut bei ihren Eltern zu „erwerben“. Glücklicherweise dürfen wir uns heutzutage einfach über ein Schmuckstück freuen, außerdem sind Zeitpunkt und Ort der Übergabe wesentlich wichtiger geworden – Kreativität und Überraschungseffekt sind Maßstäbe, nach denen Frauen ihre Verlobung bewerten. Die Erwartungen sind so hoch wie nie!

Wesentlich traditioneller läuft die Zeremonie in vielen anderen Ländern ab.
Eine außergewöhnliche Prozedur ist beispielsweise in Bulgarien üblich. Hier vollzieht sich die Verlobung in drei Schritten. Zunächst wird das Hochzeitsgebot an die Eltern der Braut gestellt. Früher wurden dazu spezielle Gesandte in die Häuser der Mädchen geschickt. Besonders im Herbst und Winter standen die Türen der Familien offen, um den Vertretern der heiratswilligen Männer Zutritt zu verschaffen.

Der Antrag des Bräutigams wird traditionell dreimal abgelehnt, da noch heute eine überstürzte Zusage als schlechtes Omen für die Ehe gedeutet wird. Wenn diese erste Hürde überwunden ist und der Mann sein Interesse überzeugend vertreten konnte, beginnt der eigentlich Verlobungsakt.

Die „kleine Verlobung“ findet im Hause der Brauteltern statt. Die zukünftigen Schwiegereltern schicken Geschenke ihres Sohnes an die Braut, dazu zählen in jedem Fall der Brautstrauß sowie Schmuck und andere Dinge, die der jungen Frau die Entscheidung erleichtern sollen. Die Annahme der Geschenke bedeutet nämlich gleichzeitig, dass die Verlobung von ihr akzeptiert wird.

Darauf folgt die „große Verlobung“, bei der die kleine Verlobung symbolisch wiederholt wird. Diesmal sind allerdings alle Verwandten der beiden Familien und zum ersten Mal auch das Paar gemeinsam anwesend. Die große Verlobung ist ein riesiges Fest, zu dem heute zusätzlich auch Freunde und Bekannte eingeladen werden. Der Gedanke dahinter:

Die Familien sollen sich kennenlernen und bei rauschender Feststimmung die Hochzeit der Verlobten planen. Es überrascht daher nicht, dass meist alle Verwandten bei der Finanzierung der Hochzeit beteiligt sind – denn was bei ausreichend Alkohol an diesem Abend beschlossen wird, muss danach auch in die Realität umgesetzt werden…

Ähnlich verläuft die Verlobung auch in Polen. Auch hier scheinen die Familien eine sehr wichtige Rolle zu spielen. Das Liebespaar organisiert ein großes Festmahl, zu dem der engere Angehörigenkreis eingeladen wird. Ein Menü mit mehreren Gängen wird aufgetafelt. Das Erscheinen der Verwandten und die Symbolik, dass „sich alle an einen Tisch setzen“, dient als Zeichen dafür, dass die Verlobung von beiden Seiten akzeptiert wird.

Eine gelungene Verlobung hängt also nicht nur von den Verliebten ab, sondern vor allem von dem Einverständnis der Familie.

In Russland wird der Verlobung überraschenderweise keine große Beachtung geschenkt. Es gibt keine Rituale oder Symbole wie Ringe, noch nicht einmal ein Strauß Blumen gehören zum Pflichtprogramm. Die russischen Paare konzentrieren sich voll und ganz auf die Hochzeit, die bekanntermaßen als ein ausschweifendes Fest geplant wird. Eine Eigenart der russischen Verlobung ist allerdings, dass die Trauung danach sehr schnell vollzogen wird.

Nur ein bis drei Monate später findet im Allgemeinen das Hochzeitsfest statt. Die Herausforderung, in dieser kurzen Zeit ein so großes Event auf die Beine zu stellen, würde sicherlich so manche Braut an den Rande des Wahnsinns treiben, weshalb es in Russland üblich ist, eine Hochzeitsagentur zu buchen. Diese Agenturen haben eine lange Tradition, in früheren Zeiten waren sie sogar für das „Brautwerben“ zuständig: Sie versuchten, Paare nach Charaktereigenschaften, Interessen, Wohnorten etc. zusammenzubringen.

Ein älterer Verwandter (meist der Großvater der Braut) durchschneidet das Band, wodurch die Verlobung offiziell wird. Anschließend begibt sich die Verwandtschaft in einen Festsaal, der zu diesem Anlass gemietet wird, wo mit dem großen Familienkreis gefeiert wird. Anders als bei uns trägt die Verlobte an diesem Abend bereits ein weißes oder helles, sehr aufwändiges Kleid.

Die türkische Verlobung läuft zunächst zwischen den Eltern ab. Die Eltern des Bräutigams kommen ins Haus der Braut. Bei Tee und Gebäck wird der Heiratswunsch des Sohnes geäußert. Die Elternpaare beratschlagen gemeinsam. Bei gegenseitiger Zustimmung wird das zukünftige Ehepaar in das Zimmer gerufen. Beide bekommen einen Ring angesteckt, der durch eine Seidenschnur verbunden ist.

Ein sehr schönes Verlobungsritual existiert in China: Nachdem ein formeller Briefwechsel zwischen den Eltern des Paares stattgefunden hat, der meist zusätzlich von einer Heiratsvermittlerin begleitet wird, geht das Paar gemeinsam zu einem Wahrsager.

Dort werden die sogenannten „acht Buchstaben“ ausgewertet. Sie setzten sich aus den Geburtsdaten des Mannes und der Frau zusammen.

Erst wenn der Wahrsager seine Zustimmung gegeben hat und eine gute Zukunft aus den Buchstaben gelesen hat, tritt die Verlobung in Kraft. Auch der beste Hochzeitstermin wird von dem Wahrsager errechnet.

Zu den anstrengendsten und gleichzeitig gegensätzlichsten Verlobungsritualen gehören die Zeremonien in Indien und Brasilien.

In Indien dauert die Feier rund um die Verlobung viele Stunden. Zunächst wählt die Brautfamilie einen Ring für den Bräutigam aus und umgekehrt. Die Ringe passen in den meisten Fällen also gar nicht zueinander. Mit Annahme des Rings wird die Einwilligung beider Seiten geben.

Danach beginnt die Zeremonie. Die Braut ist dabei nicht anwesend. Die Feier findet in einem großen Saal statt. Männer und Frauen sitzen getrennt. Der Reihe und einem bestimmten System nach werden zwei Familienmitglieder nach vorne auf eine Bühne gerufen.

Dort tauschen sie Geschenke aus und positionieren sich für ein gemeinsames Foto, das beweisen soll, dass die Abgebildeten nun zu einer Familie gehören. Idealerweise soll so jeder mit jedem in Kontakt kommen.

Bei einer durchschnittlichen Gästeanzahl von circa 500-600 Menschen wird deutlich, wie lang und nervenzehrend diese Prozedur sein muss.

Brasilien macht seinem Ruf als leidenschaftliches und freudiges Land auch bei der Verlobung alle Ehre. Im Vordergrund steht hier nämlich nicht die romantische Zweisamkeit und der Moment der Verlobung an sich, sondern die anschließende Party. Vor allem die Verlobte muss dabei einiges aushalten.

„Chà de Panela“ heißt der traditonelle Junggesellinnenabschied, zu dem die Freundinnen jeweils ein verhülltes Geschenk mitbringen. Aufgabe der Verlobten ist es nun, den Inhalt der Pakete nach und nach zu erraten. Sie hat drei Versuche pro Geschenk. Gelingt es ihr nicht, muss sie einen Schnaps trinken und ein Kleidungsstück ablegen.

Nicht selten enden diese Nächte für die Bräute nackt und sturzbetrunken. Der Brauch besagt außerdem, dass viele Fotos gemacht werden müssen, die die Braut dann in den nächsten Tagen ansehen und verkraften muss. Auf diesen Moment muss sicherlich niemand neidisch sein…

Die aufgezählten Beispiele sind nur ein Auszug aus einer unglaublichen Vielfalt an Verlobungsritualen, die auf der Welt existieren. Natürlich sind sie alle an eine Tradition gebunden, die vielerorts aufgelockert wird. Natürlich gibt es nicht DIE typische Verlobung, glücklicherweise findet heutzutage oft ein Mix aus verschiedenen Einflüssen statt. Was alle Bräuche gemeinsam haben: Die Verlobung ist die Vorbereitung auf eines der wichtigsten Ereignisse im Leben. Jedes Land feiert das auf seine eigene, stets freudig gestimmte Weise.


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